Was ist „Queer“?

Dekonstruktion oder Reproduktion von geschlechtlich-sexueller Vielfalt?

In den 1989er Jahren hat sich in den USA eine Kritische Perspektive auf Geschlechter, deren Konstruktion und die damit verbundenen Forschungsansätze entwickelt – die Queer-Theory. Im Zentrum der Theorie steht die Verknüpfung von Sex (biologisches Geschlecht), Gender (soziales Geschlecht) und Begehren (sexuelle Orientierung). Es gibt zum einen eine politische und zum anderen eine akademische Entwicklungsgeschichte der queeren Ansätze.

Im politischen Kontext entwickelte sich Queer aus der normierten Darstellung von Heterosexualität und der darauf zugeschnittenen Politik. Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist in diesem Zusammenhang die Aidskrise und die daraus resultierenden Feindseligkeiten gegenüber Homosexuellen.
Im wissenschaftlichen Kontext wird Queer als Sammelbegriff für einen kritischen und dekonstruktiven, also auflösenden Umgang mit Theorien, welche sich auf normiert Sexualitäten beziehen, verwendet. Voraussetzung dafür ist ein poststrukturalistisches Denken. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Realität nicht nur durch  theoretische Konzepte und Sprache abgebildet, sondern mit Hilfe von Kategorisierungen auch konstruiert wird.

Eingeführt wurde der Begriff 1991 von Teresa de Lauretis, durch ein von ihr herausgegebenes Heft zur Zeitschrift „Differences. A Journal of Feminist Cultural Studies“. Im deutschsprachigen Raum wurden die konzeptionellen Überlegungen aus den USA schnell übernommen. Federführend war dabei Judith Butler. In ihrem Buch „Gender Trouble“, ebenfalls  aus dem Jahre 1991, dekonstruiert sie das Sex/Gender-System. Außerdem thematisiert sie eine queere Praxis durch Travestie, Cross-Dressing und stilisierte Identitäten aus der schwul-lesbischen und transgender Kultur.

Ein weiterer Begriff, welcher im Kontext der Queer-Theory geprägt wurde ist die heteronormative Matrix. Diese besagt, dass es lediglich zwei Geschlechter gibt und bringt diese in eine Ordnung in Bezug auf Sex, Gender und Begehren. Demnach haben Frauen eine weibliche Identität und begehren Männer. Männer wiederum haben eine männliche Identität und begehren Frauen. Somit werden alle anderen Ausprägungen der geschlechtlich-sexuellen Identität und alle damit verbundenen Facetten im politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext ausgeblendet.

Anhand der Ausführungen ist erkennbar, dass es schwierig ist eine genaue Bestimmung des Begriffs vorzunehmen. Es lassen sich jedoch unter allen Forschungsansätzen, politischen Projekten und praktischen Lebensweisen einige zentrale Kernpunkte von queeren Perspektiven zusammenfassen.  Queer wendet sich gegen die vorherrschende heteronormative Ordnung der Geschlechter in der Gesellschaft und das damit verbundene Herrschaftsverhältnis, welches Sexualität und Identität reguliert. Es sollen Hierarchisierungs- und Normierungsmechanismen im sozialen und kulturellen Kontext hinterfragt und dekonstruiert werden. Somit sollen auch schwul-lesbische und andere alternative Lebensformen bzw. Geschlechtsidentitäten aufgelöst werden, wodurch queere Theorien sich permanent selbst hinterfragen müssen.

Ursprünglich stammt das Wort „queer“ aus dem Englischen und bedeutet  „sonderbar, eigenartig, schwul“. Anhand der bisherigen Ausführungen wurde sichtbar, dass durch das politische und akademische Wirken der Begriff seine negative Konnotation verloren hat. Trotz alledem gibt es auch Kritikpunkte an queeren Perspektiven. Zum einen an der Offenheit der queeren Konzeption. In diesem Zusammenhang wird oft die Frage gestellt, welchen Nutzen queere Betrachtungsweisen von Sachverhalten haben. Zum anderen wird durch die häufige Verwendung des Begriffes durch die schwul-lesbische Jugendkultur eine Spaßkultur geschaffen, welche mit einer Apolitisierung einhergeht. Auch die hohe Zuschreibung von der Bedeutung des einzelnen Individuums wird als Ansatz für Kritik gesehen. Es bleibt also offen, inwiefern durch queere Perspektiven die bestehenden Kategorisierungen von Geschlechtern aufheben, oder diese durch die Forschung an ihnen reproduzieren.

Autor: Stefan Fiebig von den Queerulanten

 

Basis des Artikels

  • Bendl, Regine / Walenta, Christa: Queer Theory und Ansatzpunkte für Gender Mainstreaming
  • Hark, Sabine: Queer Studies In: Von Braun, Christa / Stephan, Inge: Gender@ Wissen 2. Aufl.