Warum ich nur noch zweimal die Woche duschen gehe

19. September 2017, von Geraldine

Es beginnt in Strömen zu regnen, mein Bruder schaut noch draußen und ruft,
halb freudig, halb bedauernd: „Da hätte ich ja gestern gar nicht duschen müssen!“ und rennt, nur mit einer Boxershorts bekleidet, nach draußen in den Garten.

Jep, ich bin ein Mensch der gerne Konventionen hinterfragt und sehr bedacht darauf ist Ressourcen zu schonen, genau wie mein Bruder. Unser Wasser ist die kostbarste, die wir haben und somit absolut schützenswert. Leider bin ich auch ein Mensch, der seinen Luxus liebt. So stand ich früher jeden zweiten Morgen insgesamt 20 Minuten unter der heißen Dusche. Wie es dazu kam, dass ich mich nun mehr gräme meine Haut und Haare öfter als zweimal in der Woche zu waschen…

Vor mittlerweile zwei Jahren lernte ich meinen jetzigen Partner kennen, ich mag an ihm – neben vielen anderen Dingen natürlich – dass er sich so einfach kleidet und oft dreckige oder zerrissene Klamotten trägt. Er ist immer darauf bedacht Ressourcen zu sparen, egal bei welchem Aspekt. Meine Hygienegewohnheiten hielt ich während unserer Beziehung lange bei – er stellte sich trotzdem nur einmal die Woche unter die Dusche, und selbst dann sehen ausschließlich seine langen Haare Seife. Ich gebe auch zu, dass ich Gerüche sehr intensiv wahrnehme. Aber dass mein Bruder, mein Freund oder sonst wer, der nicht täglich duscht, stinkt, würde ich nicht behaupten.  Ein Freund von mir wäscht sich übrigens nur mit einem Lappen und einer kleinen Wanne voller lauwarmem Wasser.

In den Semesterferien passierte es dann einfach: mein Alltag dröselte sich langsam auf – so wie er es immer tut, wenn ich lange Zeit frei habe – und ich reduzierte meine Duschvorgänge immer weiter. Durch die vielen Kurzurlaube und die wenigen Verpflichtungen fühlte ich mich freier. Klar, am Anfang wurden meine Haare immer wieder richtig fettig, aber jetzt kann ich jeden Waschtag so richtig genießen. Ich stehe nun mal gern recht lange unter dem wunderbar warmen Wasser und lasse mich berieseln, fühlte mich aber schlecht, weil ich so wahrscheinlich Unmengen davon verbrauche. Nur zum Vergleich: zum Baden und Duschen braucht ein Deutscher pro Woche über 1100 Liter Wasser. (Quelle: Vaillant Group, Statista 2016) Während einer Minute fließen dabei ca. 20 Liter durch einen normalen Duschkopf.

Um also genauer nachvollziehen zu können, wie sich so eine Aktion auf mich und mein Umfeld auswirkt, startete ich ein zweimonatiges Projekt: Am 9. April, einem Sonntag, beschloss ich beim Waschen: Ab heute reduziere ich das Ganze auf zwei Duschvorgänge pro Woche. Mal sehen ob es tatsächlich stimmt, dass man die besten Einfälle in diesen eckigen Kabinen hat.

Schon an besagtem Sonntag merkte ich, dass meine Haut ihre natürliche Schutzschicht verliert, wenn ich sie zu oft säubere. Beim Abtrocknen rubbelte ich sie mir wortwörtlich von den Knochen. Die natürliche Schicht, die unser größtes Organ, die Haut, ausbildet, wenn sie denn genug Zeit dazu bekommt, reguliert sich am besten selbst. Fette, Bakterien, Schweiß – ja, all dies „eklige“ Zeug – braucht der Körper, um sich zu klimatisieren und vor fremden Eindringlingen zu schützen; und die meisten waschen es einfach täglich herunter. Keine Bodylotion und kein Mousse wird helfen die Schutzschicht zu erneuern.

Mittlerweile zwinge ich mich dazu am Ende noch einmal kaltes Wasser über meinen Körper laufen zu lassen. Diverse Ärzte und Freunde empfahlen mir diese Vorgehensweise und ich muss zugeben: Ich hasse es, aber es kann nur von Vorteil sein. Die Abwehrkräfte werden gestärkt und ich habe beim Abtrocknen nicht mehr das ganze Handtuch voller Hautfetzen, weil sich die Poren durch das kalte Wasser wieder schließen und so notwendige Fette zurückhalten.

Am Dienstag darauf beschloss ich, mir mal wieder einen Friseurbesuch zu gönnen. Ich bin mir nicht sicher, ob die ganzen Pflegeprodukte beim Waschen und Schneiden meinem Haar nicht eher die Kraft genommen haben, aber zumindest hatte ich jetzt endlich wieder einen feschen Haarschnitt, nicht diesen undefinierbaren Wust. Meine Kurzhaarfrisur, die ich mir vor etwas mehr als einem Jahr zulegte, ist durchaus praktisch, wenn man sich nicht so oft waschen will. Fettige Haare fallen nicht so schnell auf und sie ist nicht so pflegebedürftig. Für die acht Zentimeter langen Deckhaare brauche ich nicht mal mehr einen Kamm und wenn es doch mal zu fettig aussieht, habe ich immer noch ein bisschen Styling-Gel parat, mit dem ich mir einen Iro frisieren kann, da fällt es nicht mehr so auf.

Außerdem gab ich während des Selbstversuchs endlich ein paar meiner Haarpflegemittel weg. Vor einer ganzen Weile legte ich mir zwar mal einen riesigen Vorrat Shampoo an, benutze aber für meine Haut nur noch Kern- oder eine Bioseife (gerne mit Teebaumöl) und einen Schwamm zum aufschäumen. Der durchblutet die Haut und lässt sich einfacher handhaben als ein Stück glitschige Seife.

Am Freitag derselben Woche war eine Dusche schließlich wieder nötig. Da mein Haar aber vom Friseurbesuch noch gut aussah ließ ich das Shampoo diesmal weg. Ich merkte, dass ich mich wesentlich reiner fühle, wenn ich so lange Pausen lasse und startete frisch ins Wochenende. Mein Bruder gab mir außerdem den Tipp, öfter mal die Kleidung zu wechseln, anstatt sich immer wieder zu waschen. Vor allem Klamotten, die an den Schweißzonen des Körpers sitzen, also vor allem Tops und T-Shirts, aber auch Socken und Unterwäsche wechsle ich täglich.

Das Wochenende war erlebnisreich und anstrengend, so hielt ich es diesmal schon am Montag nicht mehr aus. Ich wollte mich waschen. Auch am darauffolgenden Freitag duschte ich wieder ausführlich. Schließlich recherchierte ich im Internet, ob es noch andere Waschverweigerer wie mich gibt und fand einen neuen Trend – „Cleansing Reduction“. In einigen Zeitschriften für Frauen finden sich bereits zahlreiche Anleitungen und Tipps zum Wasser und Waschmittel sparen. Der Fokus liegt auch hier auf der Erhaltung des natürlichen Schutzfilms auf der Haut und der Wasserreduktion. Einige Artikel rieten auch zu Trockenshampoo. Früher habe ich das Zeug auch unfassbar gerne genutzt – jetzt sehe ich aber nur noch die unzähligen leeren Sprayflaschen die in den Müll wandern und die Chemie, die ich meinem Haar zumute. So ist es mir auch ein Anliegen, bald vom Shampoo für die Haare auf Seife umzusteigen. Die gibt’s zumindest in Papier eingewickelt. Duschgele und Shampoos enthalten außerdem meist Mikroplastik, das mit dem Abwasser irgendwann ins Meer gelangt und unsere Umwelt verschmutzt.

Schon in der dritten Woche meines Experiments merkte ich, dass meine Haare weniger fettig waren, auch hatte ich vorher oft mit juckender und schuppiger Kopfhaut zu kämpfen. Die Symptome schienen aber langsam zu versiegen, obwohl ich mich diesmal nur Mittwoch wusch. Am Samstagabend stellte ich mich kurz unters warme Wasser, um den groben Schmutz der vergangenen Tage wegzubekommen. Die Haut und die Haare brauchen zwar einige Tage, um sich an die seltener gewordene Reinigung zu gewöhnen, aber ich stellte schon nach wenigen Wochen eine deutliche Veränderung fest. Nicht nur, dass meine Pickel tatsächlich zurückgehen, meine Haut scheint auch Feuchtigkeit besser halten zu können. Bodylotion zum Beispiel brauche ich nur noch, wenn ich mich rasiere.

Die nächsten Wochen wurden immer einfacher: Je am Anfang und Ende der Woche ein Duschvorgang, manchmal zwischendurch abduschen (also ohne Reinigungsmittel). Nicht so einfach ist es dagegen, den Menschen auf der Straße zu begegnen, die scheinbar riesige Parfüm- und Deo-Wolken hinter sich herziehen. Bei mir verzieht sich da nur das Gesicht. Oft rieche ich auch dasselbe Parfüm bei den unterschiedlichsten Menschen. Schade, dass die meisten nicht zu ihrem Eigengeruch stehen. Wie ich bereits erwähnte, habe ich eine relativ feine Nase. Ich mag jede einzelne Duftmarke meiner Freunde und Verwandten und assoziiere Geborgenheit oft mit dem Geruch, fühle mich also tatsächlich woher, wenn meine Umgebung nach etwas oder jemand Bekanntem riecht. Meinem Partner stört es sogar, wenn ich zu häufig dusche. Er riecht lieber mich, als irgendwelches Parfüm.

In der Tier- und Pflanzenwelt sind Gerüche, ebenfalls unabdingbar. Mütter erkennen ihre Brut anhand des Dufts, Blumen locken Bienen mit ihren wohlriechenden Blüten. Auch bei der Nahrungssuche, aber vor allem zur Paarungszeit schnüffeln unsere animalischen Freunde was das Zeug hält. Man denke nur an Spürhunde, die verschollene Menschen finden können oder Faultiere, die sich durch ihren Gestank vor Fressfeinden schützen.

In der fünften Woche (Mitte Mai) war es zum Glück endlich warm genug, um in die Saale zu springen. Manch einer wird sagen, man käme aus diesem Fluss dreckiger heraus, als man reingeht, aber zum Befeuchten der Haut und kurzem Dreck-Abwaschen ist es mir allemal genug. Außerdem laufe ich sehr viel barfuß und die Hornhaut, die ich mir so antrainiere, weicht sich bei zu häufigem baden schnell ab und schützt mich schlechter vor Dornen oder Scherben.

Während ich am Anfang noch genau darauf achtete, wie häufig ich dusche, passiert es jetzt öfter, dass ich es gänzlich vergesse. Schon in der sechsten Woche begann ich nur noch einmal die Woche zu duschen, je nachdem, wie viel ich zu tun hatte. So merke ich nach langen Uni- oder Arbeitstagen immer ein direktes Bedürfnis nach Sauberkeit, wenn ich den ganzen Tag nur zu Hause oder im Park rumsitze eher weniger. Auf den Festivals, die ich diesen Sommer besucht habe, stellte es sich außerdem als großer Vorteil heraus, bis zu sechs Tage nicht duschen zu müssen beziehungsweise zu wollen.

Doch immer wieder, wenn ich davon erzähle, werde ich gefragt: Stinkst du dann nicht? – Ich möchte eine Gegenfrage stellen: Riecht ihr mich denn?

Ja, so einfach ist es tatsächlich. Bisher hat sich niemand über meinen Geruch beschwert, schließlich ist das mein Körper, der riecht nun mal nach mir, nach meinem Schweiß, meinen Fetten und meinen Hormonen. Sind wir Menschen denn wirklich so dreckig, dass wir uns täglich abseifen müssen? Letztendlich kann sich jeder selbst einteilen, wie oft er duschen oder baden gehen möchte, aber wer nicht versteht, dass der Geruch, wie das Aussehen zu einem Menschen gehört und ihn zu dem individuellen Wesen macht, das er sein möchte, hat auch nicht verstanden, was Hygiene bedeutet.

Kleiner Tipp: Falls ihr euch nicht gerne bei der Waschzeit oder -häufigkeit einschränkt, könnt ihr auch wassersparende Duschköpfe installieren. Die gibt es in jedem Baumarkt zu kaufen.

Außerdem empfehle ich Shampoos und Duschbäder (falls ihr nicht sowieso auf Seife umsteigen wollt) parfümfrei und parabenfrei, am besten im Bioladen oder der Apotheke, zu kaufen. Diese haben oft natürliche Zusätze, die unterschiedlichste Hauttypen unterstützen. Eine kleine Inhaltsstoffübersicht und ein Rezept, wie man Shampoo auch selbst herstellen kann findet ihr hier: http://www.paradisi.de/Beauty_und_Pflege/Haarpflege/Shampoo/Artikel/21982.php

 

Kategorien:
Allgemein Startseite
Schlagworte:

2 Kommentare

  • Lene schreibt:

    Richtig toller Artikel Geraldine !

    • Geraldine schreibt:

      Danke! Hat auch seh Spaß gemacht ihn zu schreiben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte beachte unsere Kommentarrichtlinien

Spamschutz *

YouthPOOL präsentiert

Veranstaltungstipps

15
Dec
15. Dezember, 13:00 - 14:00 Uhr
Märchen am Kamin
22
Dec
22. Dezember, 13:00 - 14:00 Uhr
Märchen am Kamin
29
Dec
29. Dezember, 13:00 - 14:00 Uhr
Märchen am Kamin